5. Workshop "Archive von unten" pdficon_large.gif

Berlin, 9. und 10. Juni 2011
Im Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.
An diesem Workshop nahmen 34 TeilnehmerInnen aus 21 Einrichtungen teil. Drei Themen standen im Mittelpunkt: Überlieferungsstrategien, Umgang mit elektronischen Dokumenten und die Stellung und Bedeutung von Archiven in einzelnen Projekten.

Inhalt

Überlieferungsstrategien

Das Thema Überlieferungsstrategien ist für Bewegungsarchive von besonderer Bedeutung, weil hier die Bestandsbildung nicht "von selbst" geschieht, es gibt keine gesetzlich geregelten Abgabepflichten oder ähnliches. Die Unterlagen müssen gesucht und gefunden werden, AktivistInnen müssen davon überzeugt werden, ihre eigene Geschichte wertzuschätzen und sie den ensprechenden Archiven anzuvertrauen. Einmal mehr wurde deutlich, von welch hoher Bedeutung hier auf langjähriger Zusammenarbeit beruhende Vertrauensverhältnisse sind. Es zeigte sich aber auch, dass wegen unzureichender finanzieller und personeller Ausstattung in vielen Archiven von einer ausgefeilten Überlieferungsstrategie leider kaum die Rede sein kann und die Sammlungen oft eher zufällig entstehen - was kommt, wird genommen. Dem nachzugehen, was nicht von selbst kommt, kann nur von Wenigen geleistet werden. Hier drohen Überlieferungslücken, die auch durch "etablierte" Archive nur sehr begrenzt aufgefangen werden können, da dort der Zugang zur Szene fehlt. In nächster Zeit werden vermutlich in größerem Umfang Nachlässe auf Freie Archive zukommen, da die politischen AkteurInnen der Neuen Sozialen Bewegungen das Alter erreicht haben, in dem sie einen Ort für ihre gesammelten Unterlagen suchen. Hier sind die Freien Archive nicht nur in der Akquise gefordert, sondern auch in Fragen der sachgerechten Bearbeitung und Aufbewahrung.

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Elektronische Dokumente

Ein Thema, das Archive aller Art betrifft, ist die Sicherung der elektronischen Kommunikation. Auch Freie Archive sind mit Emailkorrespondenz, nurmehr elektronisch publizierten Newslettern und Zeitschriften und anderen digital born documents konfrontiert, für deren Archivierung sie sich eigentlich zuständig fühlen. Dazu kommen steigende Mengen in den einzelnen Archiven digitalisierter Texte, Bilder, Interviews... Das alles muss erschlossen und systematisiert werden, ein Ansturm, dem kaum ein Freies Archiv gewachsen ist. Zwar sind einige an Projekten wie Europeana local beteiligt, das löst aber auch nur einen kleinen Teil der Probleme. Eva Danninger vom Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika (FDCL) stellte die Open-Source-Software "Goobi" vor, mit deren Hilfe man Digitalisierungsprojekte durchführen und im besten Fall eine Digitale Bibliothek der Freien Archive aufbauen könnte, die immer noch sehr spartanische Webseite der Bewegungsarchive könnte als Präsentationsplattform dienen, die Daten blieben auf den Servern der einzelnen Archive und eine aktive Community würde die kontinuierliche Weiterentwicklung und den Support sichern. Für die weitere Prüfung und evtl. Realisierung dieser Idee, die zumindest einem Teil der mit der elektronischen Welt verbundenen Herausforderungen gerecht werden könnte, bildete sich eine Arbeitsgruppe, die zwischen den Workshops tagen wird.

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Archive in Projekten

Im dritten Themenblock schließlich ging es um Archive, die nicht als eigenständige Archive bestehen, sondern Teil von politischen oder Bildungsprojekten sind. Hier gab es Inputreferate von Günther Siedbürger aus dem Göttinger Hans-Litten-Archiv der Roten Hilfe und von Katharina Braun aus dem Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrums belladonna in Bremen. Das Archiv der Roten Hilfe wurde ursprünglich von einer in der Bundesgeschäftsstelle arbeitenden Person mitbetreut, Archivarbeit war Bestandteil der arbeitsvertraglich festgelegten Tätigkeiten. In der Praxis blieb jedoch kaum Zeit dafür und es gab Vorbehalte: die Einnahmen der Organisation seien für politische und nicht für historische Arbeit gedacht, man fürchte einen Rückgang der politischen Aktivitäten der Roten Hilfe durch historische Arbeit, man hatte "Sorge vor (ungewollter) Dienstleistung für den Repressionsapparat" - oder man erklärte sich schlicht für inkompetent: "für die Geschichte sind andere zuständig". Um aus dieser lähmenden Falle herauszukommen, wurde 2005 ein eigenständiger Archivverein unter dem Namen "Hans-Litten-Archiv" gegründet. Dieser Verein wirbt eigene Fördermittel ein, kümmert sich um den Schutz wichtiger oder umstrittener Dokumente und wirbt in der Roten Hilfe um mehr Anerkennung, z.B. durch die Formulierung eines eigenen politischen Selbstverständnisses. Das Sammeln und Dokumentieren ist für die Archivgruppe kein Selbstzweck, sondern sie will die Erfahrungen der Vergangenheit aufbereiten, um sie für die Kämpfe der Gegenwart zu nutzen. Das Hans-Litten-Archiv versteht sich als Dienstleister für die Rote Hilfe, sorgt dafür, dass die Rote Hilfe ihrer Archivierungspflicht als eingetragener Verein gerecht wird, sieht aber auch eine politisch-ethische Pflicht zur Bewahrung der Geschichte von unten. Doch auch diese Strategie hat bisher keinen wirklichen Durchbruch gebracht: mit einer Art Minijob wird an zwei Nachmittagen pro Woche der Archivbetrieb sehr notdürftig aufrechterhalten. Etwas anders gelagert sind die Probleme bei belladonna. Hier war das Archiv von Anfang an Teil des Gesamtkonzeptes, zu dem z.B. Kulturveranstaltungen, Weiterbildung und Unterstützung von Existenzgründungen von Frauen gehören. Archiv, Bibliothek und Dokumentationszentrum haben keine direkte Zuarbeitungsfunktion für die Bildungsarbeit und sind zur Zeit mit etwas mehr als einer bezahlten Stelle besetzt. Allerdings muss gelegentlich in der laufenden Bildungsarbeit oder bei der Öffentlichkeitsarbeit ausgeholfen werden. Wenn z.B. das Bildungswerk im Zusammenhang mit der Frauenfußball-WM aktiv wird, klinkt sich das Archiv in diese Aktivitäten ein und nimmt in Kauf, dass die eigene Arbeit vorübergehend liegenbleibt. Dafür kann anschließend das Archiv notwendige, eigene Projekte realisieren. Zwar entsteht immer wieder, ähnlich wie bei der Roten Hilfe, die Notwendigkeit, sich in aktuelle Aktivitäten einzubringen, doch anders als bei der Roten Hilfe führt das nicht zu einer grundsätzlichen Infragestellung der Archivarbeit.

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Von den Überlieferungsstrategien zu den Überlebensstrategien

Das Abendplenum hat beim Workshop der "Archive von unten" traditionell die Funktion des informellen Informationsaustauschs. Alle Archive berichten über wichtige Ereignisse der letzten Zeit und den aktuellen Stand der Dinge. In diesem Jahr wurde dabei ein besonderes Augenmerk auf die Überlebensstrategien der einzelnen Einrichtungen gelegt. Dabei zeichneten sich folgende Trends ab:

  • Einige Einrichtungen, die sich auch der Bildungsarbeit oder der Forschung widmen und dafür staatliche Mittel bekommen, sind recht gut in der Lage, ihre Archive mit durchzuziehen
  • Die politisch-autonomen Archive, die zumeist Staatsknete für Archivarbeit ablehnen, sind dadurch zwar unabhängig, aber vor Krisen und Umbrüchen nicht gefeit. So diskutiert die Archivgruppe der Roten Flora in Hamburg seit einiger Zeit öffentlich darüber, wie es mit dem Archiv weitergehen soll; auch einige alte, linksalternative Archive machen sich Gedanken darüber, wie es mit ihren Läden weitergehen kann, wenn die Gründungsgeneration demnächst aufhört (Archiv soziale Bewegung in Baden, Archiv für alternatives Schrifttum in Duisburg, Papiertiger in Berlin)
  • Einige Einrichtungen sind mit Umbauten und Umzügen ihrer Träger beschäftigt, was zum Teil zu Diskussionen über den Sinn und die Notwendigkeit dieser Archive führt (FDCL, Berlin und Rote Hilfe, Göttingen)

Freie Archive haben eigentlich immer zu kämpfen und nicht selten wird es für Einzelne existenziell bedrohlich. Doch das Beharrungsvermögen auch unter prekären Bedingungen ist erheblich, man sieht es daran, dass 25- und 30-Jahresjubiläen in der Szene keine Seltenheit sind. Seit vier Jahren hat sich eine Annäherung an den VdA entwickelt, die - so die einhellige Meinung - auf jeden Fall fortgesetzt werden soll. In fachpolitischen Zusammenhängen ist eine wachsende Anerkennung und Wertschätzung zu verzeichnen, dringend nötig ist aber die bessere materielle Ausstattung und die langfristige Absicherung Freier Archive durch öffentliche Geldgeber.

Der nächste Workshop tagt nach dem einhelligen Wunsch der TeilnehmerInnen bereits im nächsten Jahr (14.-15. Juni 2012), wiederum im Grünen Gedächtnis. Es soll versucht werden, dafür gezielt mehr Archive aus den östlichen Bundesländern und mehr Geschichtswerkstätten anzusprechen.

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